Die hohe Kunst der Aktfotografie: Ein Gespräch mit Jan Scholz

Von Andrea Bruchwitz - Do, 12.10.2017 - 10:53
Die hohe Kunst der Aktfotografie
© Jan Scholz | www.janscholz.com


Der deutsche Fotograf Jan Scholz erschafft kunstvolle Werke, die den Betrachter durch ihre empathische und höchst ästhetische Bildsprache fesseln. Im Interview spricht er über seinen inneren Antrieb und seine Ideale – dazu gibt er wertvolle Tipps rund um das Thema „Aktfotografie“.

Was fasziniert dich am Genre der Aktfotografie?
 

Mich fasziniert das Vorhandensein von klaren Linien und Formen, denn dadurch entstehen harmonische Kompositionen. Der weitaus wichtigere Aspekt ist jedoch ein anderer: Ich liebe das Fragile, das Verletzliche und die Abwesenheit des „Schutzmantels“. So wird der Eindruck von Intimität und Emotion noch stärker betont. Ich sehe mich nicht so sehr als Aktfotografen, sondern vielmehr als Porträtfotografen. Die Abwesenheit von Kleidung erlaubt mir einen unverstellten Blick auf die Fragilität und die Emotionen.

Du hältst dich an den Stil der klassischen Schule. Wieso bevorzugst du diese Ästhetik?
 

Ich habe mir nie Gedanken über verschiedene Ansätze gemacht. Als Autodidakt habe ich mich von Anfang an immer nur davon leiten lassen, was mich selbst berührt hat. Mein Stil hat sich daraus entwickelt, was ich als schön, harmonisch und interessant erachtet habe. Wenn ich fotografiere, bin ich auf der Suche nach Harmonie: Ob Aktfotografie, Portrait oder Landschaft, ich bin immer auf der Suche nach Simplizität und ausgewogener Komposition.

Wertvolle Tipps rund um das Thema Aktfotografie
© Jan Scholz | www.janscholz.com

Was ist die besondere Herausforderung an der Aktfotografie?
 

Es ist nicht einfach, eine unbekleidete Person vorteilhaft abzubilden und dabei eine vertraute, entspannte Stimmung zu erzeugen. Wenn man als Fotograf auch noch unsicher ist und mit den Einstellungen seiner Kamera kämpft, sind das ein paar Herausforderungen zu viel.
Das Genre der Aktfotografie muss man lernen: Ich habe mit Landschaften und Porträts angefangen, bevor ich mich an Teilakt oder Akt herangewagt habe. So hatte ich genügend Zeit, um die Kameraeinstellungen, das Licht, die Komposition und den Umgang mit dem Model vollkommen zu verinnerlichen.

Was möchtest du mit deinen Werken im Betrachter auslösen?
 

Ich habe nie wirklich über die Instanz des Betrachters nachgedacht. Was mich an der Fotografie und meinen Bildern fasziniert, ist die Möglichkeit, dass ich eine eigene Fantasiewelt erschaffen kann, in der sich die Fotos „abspielen“. Ich fotografiere aus einem inneren Antrieb heraus.

Das Genre der Aktfotografie
© Jan Scholz | www.janscholz.com

Warum sind deine Aktfotografien überwiegend in Schwarz-Weiß-Tönen gehalten?
 

Schwarz-Weiß-Aufnahmen haben mich schon fasziniert, seit ich denken kann. Es ist diese Abstraktion und das Abstreifen der „realen“ Farbe – so wird der Blick auf das Wesentliche freigegeben.

Wie vermittelst du dem Modell ein Gefühl von Vertrautheit?
 

Ich habe eine eher stille, zurückhaltende Art – jegliches „übermännliches“ Gehabe ist mir sehr fremd. Es ist wichtig, sich auf die andere Person einzulassen und das Shooting so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich pflege einen äußerst freundlichen, aber verbindlichen Ton. Wenn das Model weiß, was der Fotograf will, ist das sehr hilfreich.

Aktfotografien in Schwarz-Weiß-Tönen
© Jan Scholz | www.janscholz.com

Was sind deine Experten-Tipps…

… für die richtige Belichtung in der Aktfotografie?
 

Ich arbeite gerne mit „available light“, also mit den vorhandenen Lichtquellen. Es hat allerdings eine ganze Weile gedauert, bis ich damit umgehen konnte. Natürliches Licht bietet einige Vorteile: Der Fotograf ist flexibel und muss nicht die Blitzanlage neu ausrichten, wenn das Model den Kopf etwas dreht. Sogar strahlendes Sonnenlicht ist eine beeindruckende Lichtquelle, wenn es richtig eingesetzt wird.

Schwarz-Weiß-Fotografien von Jan Scholz
© Jan Scholz | www.janscholz.com

… für die beste Kameraeinstellung?
 

Ich benutze ausschließlich alte, manuelle Filmkameras, daher sind meine Einstellungsmöglichkeiten eher begrenzt. Das macht es allerdings einfacher als in der digitalen Fotografie, weil man sich auf das Fotografieren konzentrieren kann. Ich muss nur das Licht messen, die Blende und die Zeit einstellen – und dann richte ich meine Konzentration vollkommen auf das Model.

… für die Wahl des Objektivs für Aktfotografien?
 

Ich nutze ausschließlich Festbrennweiten, weil die optische Qualität meist besser ist und die höhere Lichtstärke das Fotografieren etwas einfacher macht. Ich habe mit 85 mm und 50 mm angefangen, doch seit geraumer Zeit bin ich eher mit 35 mm und 28 mm unterwegs. So kann ich in meinen Fotografien mehr von der Umgebung zeigen.

Was rätst du Magazin-Lesern, die mit Schärfe und Unschärfe spielen wollen?
 

Festbrennweiten haben meist eine große Öffnungsblende und erlauben es, einzelne Objekte durch Unschärfe freizustellen. Wenn man keine Angst vor alten Filmkameras hat, wird der Effekt durch die Nutzung einer Mittelformat- oder Großformatkamera noch verstärkt.

Aktfotografien von Jan Scholz
© Jan Scholz | www.janscholz.com

Wer den kreativen Einsatz von Schärfe und Unschärfe mit einer Großformatkamera studieren möchte, sollte sich die Werke der amerikanischen Fotografin Polly Chandler genauer ansehen. Wenn man es in der Fine Art Fotografie auf die Spitze treiben möchte, empfehle ich eine Speed Graphic mit einem Kodak Aero Ektar Objektiv.

Fotografen wie Eugène Durieu und Bruno Braquehais haben schon in den 1850er Jahren mit Aktdarstellungen experimentiert. Welche berühmten Fotografen zählen zu deinen Favoriten?
 

Zu meinen Lieblingsfotografen gehören Dokumentar- und Portraitfotografen wie Stephen Shore, Alec Soth, August Sander und Richard Avedon. Im Genre der Aktfotografie fallen mir als erstes Paolo Roversi, Peter Lindbergh und Helmut Newton ein. Davon geht Newton wohl am ehesten als Aktfotograf durch.

Aktbilder von Fotograf Jan Scholz
© Jan Scholz | www.janscholz.com

Wie gelingt ein wirklich künstlerischer Akt, der sich von der Masse abhebt?
 

Das liegt natürlich im Auge des Betrachters. Für mich muss eine kunstvolle Aktfotografie wahre Emotionen erwecken, also persönlich berühren und mehr als nur die Oberfläche eines menschlichen Körpers abbilden.

Das Gespräch führte Andrea Bruchwitz

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Fotografien in Schwarz-Weiß-Tönen