Bildgestaltung | Basiswissen der Fotografie

Von Lisa Brettschneider - Di, 10.03.2015 - 13:23

Tiefe durch Linien

Die lineare Perspektive, hilft Ihnen dabei, eine räumliche Tiefe in einem zweidimensionalen Bild zu erzeugen. Das Bahnübergangsschild im ersten Bild steht in einer trostlosen Landschaft. Kein Baum, kein Haus, kein Mensch, nichts, was uns einen Anhaltspunkt darüber geben könnte, wie weit das Land wirklich ist – bis auf die Eisenbahnschienen. Aufgrund unserer Erfahrung wissen wir, dass Eisenbahnschienen parallel zueinander verlaufen. Die beiden schwarzen Linien im Sand laufen aber aufeinander zu und vereinen sich zu einem Punkt, was wir intuitiv als Indiz dafür sehen, dass sie sich von uns entfernen. Dieses Phänomen von visuell konvergierenden Linien nennt man »lineare Perspektive«. Wir erleben ähnliche Beispiele tagtäglich in unserer direkten Umgebung: Straßen, Flüsse, Schienen, Oberleitungen oder Mauern. Solche Linien in ein Foto zu integrieren verleiht Bildern Tiefe. Das Konzept funktioniert übrigens auch mit Kurven, was wir besonders häufig bei Straßen sehen können. Entscheidend ist, dass die Linien parallel verlaufen (in der Realität, nicht im Foto) und dass der Betrachter das auch weiß oder zumindest annimmt. Gleichzeitig ist es besonders bei solchen Bildern wichtig, zu verhindern, dass sie langweilig werden. Hier hilft die Tatsache, dass das Hauptmotiv, das Schild, vom Verlauf der Bahnschienen visuell gekreuzt wird und die beiden Linien fast in einem rechten Winkel zueinander stehen. Das Bild strebt sozusagen in zwei verschiedene Richtungen, was Spannung erzeugt.

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Die Eisenbahnschienen, die diagonal durchs Bild laufen, vermitteln ein starkes Gefühl von räumlicher Tiefe, weil sie aufeinander zuzulaufen scheinen und wir aufgrund unserer Erfahrung wissen, dass Eisenbahnschienen parallel zueinander verlaufen. Die gegenläufigen Linien der Bahngleise und des Schildes verleihen dem Bild zusätzliche Spannung. Bei der Mauer, erkennt man sehr gut, wie parallele Linien in einem Foto ein extremes Gefühl von Räumlichkeit und Tiefe vermitteln können. Die Mauer hat eine gleichbleibende Höhe, trotzdem verringert sich der Abstand zwischen Sohle und Krone in diesem Bild sehr deutlich. Die Mauer muss also vom Betrachter weg verlaufen. Zusätzliche Spannung erhält das Bild durch den abrupten Richtungswechsel zwischen den diagonal aufeinander zulaufenden Linien der Mauer und dem senkrecht aufstrebenden Turm.

Je kleiner, umso weiter weg

Objekte, die gleich groß, aber unterschiedlich weit entfernt sind, helfen uns dabei, Entfernungen abzuschätzen, denn je weiter sie weg sind, umso kleiner werden sie. Diese abnehmende Perspektive verleiht Fotos einen starken Eindruck von räumlicher Tiefe. Die abnehmende Perspektive funktioniert ähnlich wie die lineare Perspektive. Hier ist es jedoch nicht der Abstand zwischen zwei Linien, der schrumpft, sondern die eigentlich gleich großen Bildelemente – also Dinge wie Zaunpfosten, Bäume, Autos oder Ähnliches. Je weiter sie vom Betrachter weg sind, umso kleiner erscheinen sie offensichtlich und vermitteln dadurch ein starkes Gefühl von Tiefe. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Dominosteine im unteren Bild, diese waren alle gleich groß und somit ideal dazu geeignet, einen Größenvergleich zu bieten. Nicht nur, dass sie in einer Linie durch den Vordergrund des Bildes verlaufen, die Dominos stehen auch im Hintergrund, am anderen Ufer der Spree – also ideal, um auch die Entfernung dorthin einzuschätzen (siehe kleines Foto). Architekten benutzen diesen Effekt übrigens ganz bewusst: Der gezielte Einsatz von Reihen von Säulen oder Arkadengängen als Bauelemente verstärkt in Räumen den Eindruck von Größe.

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Die eigentlich gleich großen Dominos wirken kleiner, je weiter sie vom Betrachter entfernt sind. Das macht es leicht, Entfernungen abzuschätzen, und schafft dadurch ein Gefühl von räumlicher Tiefe.

Die Nähe zu den Dingen

Um Entfernungen abschätzen zu können, brauchen Sie Bildelemente, deren Größe Sie einschätzen können. Wenn Ihr Foto solche Elemente in Vorder-, Mittel- und Hintergrund beinhaltet, können Sie auch die Entfernung zwischen ihnen besser erkennen. Die Tatsache, dass weiter entfernte Objekte kleiner wirken als solche, die nah sind, lässt sich natürlich auch auf Bildelemente übertragen, die sich nicht ähneln, solange der Betrachter deren Größe einschätzen kann. Bäume, Häuser, Fahrräder oder Menschen sind dafür sehr gut geeignet, kahle Steinbrocken, bei denen es sich um Kiesel, genauso gut aber auch um Findlinge handeln könnte, eher nicht. In unserem Beispielbild haben wir Kanus im Vordergrund, Bäume im Mittelgrund und einen Hügel im Hintergrund. Letzterer ist auch noch mit Bäumen bewachsen, die zwar nicht klar erkennbar sind, aber bei genauerem Hinsehen auch noch Aufschluss über die Entfernung geben können. Hinzu kommt, dass die Kanus vom Betrachter weg zeigen, wodurch sie – analog zur linearen Perspektive – den Eindruck von Tiefe noch verstärken. Durch die Wahl einer Position, bei der sich gewisse Bildelemente sehr nah beim Betrachter und andere wiederum verschieden weit von ihm entfernt befinden, entsteht ein starker Eindruck von Tiefe. Das funktioniert besonders gut mit einem Weitwinkelobjektiv, vorausgesetzt, Sie können, wie hier geschehen, ziemlich nah an das Bildelement im Vordergrund heran. Dadurch erscheint es im Verhältnis zu den anderen Elementen sehr groß. Die Kanus reichen hier bis zur Bildmitte, obwohl sie nur wenige Meter lang sind. Wenn Sie diese Technik einsetzen, ist es allerdings sehr wichtig, dass das Element im Vordergrund auch interessant genug ist und die große Aufmerksamkeit verdient. Bild 27

Wir wissen alle, wie groß ein Boot, ein Baum oder ein Hügel in etwa ist. Dank vertrauter Bildelemente in Vorder-, Mittel- und Hintergrund können wir die Entfernungen innerhalb des Bildes gut abschätzen.

Fotos: Galileo Press