Bokeh in der Fotografie: 9 Tipps zum Bokeh-Effekt

Von Fabian Peters - Mi, 18.04.2018 - 17:18
Der richtige Ausschnitt: Bokeh mit Unschärfebereich

Der Begriff Bokeh beschreibt in der Fotografie einen bewusst gestalteten Unschärfebereich. Dieses Gestaltungsmittel wird häufig eingesetzt, um die Aufmerksamkeit des Betrachters auf das Hauptmotiv im Vordergrund zu richten. Das Bokeh ist dabei stets objektivabhängig und nicht nur bei professionellen Fotografen ein beliebtes Stilmittel – auch Hobbyfotografen nutzen die künstlerisch verschwimmenden Bildhintergründe für eindrucksvolle Motive.

Die Unschärfe tritt dabei in verschiedensten Formen in Erscheinung. Typisch für viele Bokehs sind dabei die durch eine Lichtquelle im Hintergrund entstehenden charakteristischen Unschärfekreise und Lichtstrahlen.

Bauen Sie diese Unschärfekreise in Ihr nächstes Shooting ein – durch die verschiedenen Wellenlängen der Lichtstrahlen entsteht ein seidenweicher Effekt! Sogar Available-Light- oder Nachtaufnahmen können bei einem interessanten Strahlengang kunstvolle Bokehs hervorbringen. Sie müssen keine aufwändige Maske oder Tiefenkarte erstellen, wenn Sie sich an die folgenden Praxistipps in unserem Tutorial halten.

Inhaltsverzeichnis:

Einführung: Woher kommt der Begriff Bokeh?

Der Begriff Bokeh ist vom japanischen Wort boke abgeleitet, das verschwommen oder unscharf bedeutet. Bei dieser Definition wird bereits deutlich, dass das jeweilige Objektiv bei der Entstehung eines Bokehs eine tragende Rolle spielt. Es entsteht ein seidenweicher Unschärfebereich, den das Objektiv einer Kamera durch Projektion auf die Abbildungsebene hervorbringt. So weist jedes Objektiv eine individuelle Qualität beim Übergang der Unschärfe zur Schärfe auf.

Wie entsteht ein Bokeh? 

Unscharfe Bereiche erzeugen in der Regel eine scheibenförmige Abbildung der Lichtquelle, die sich der Form der Blende, beziehungsweise der Eintrittspupille anpasst. So entstehen die typischen Unschärfekreise und Doppelkonturen: Ein heller Bereich erzeugt ein helles Scheibchen, dass vor dem dunkleren Hintergrund sichtbar wird. Eine fast kreisrunde Blende sorgt beispielsweise für ein weiches und natürliches Bokeh. So entstehen die bekannten Zerstreuungskreise in unterschiedlichen Formen, Größen und Farben. Darüber hinaus prägen die Anzahl und Form der Scheibchen in der Blende ein Bokeh.

bokeh effekt martin harvey
© Martin Harvey

Praxistipp 1: Weitwinkel, Zoom und Baulänge – das richtige Objektiv

Unterschiedliche Festbrennweiten bestimmen den Bildeffekt. Ein starkes Bokeh, sprich ein extremer Unschärfebereich im Hintergrund, erreichen Objektive mit einer längeren Brennweite besser als Normal- oder Weitwinkel-Objektive. Objektive mit einer Festbrennweite sind oft lichtstärker als Zoomobjektive und erreichen dadurch deutlichere Unschärfen.

Das Bokeh ist in erster Linie abhängig von der Bauart des verwendeten Objektivs. Die kürzeren Teleobjektive gelten als wenig vielversprechend bezüglich eines ästhetischen Bokehs - Ausnahmen bilden einige Porträt-Teleobjektive.

Fernobjektive hingegen, bei denen sich Baulänge und Brennweite fast entsprechen, sind beliebte Bokeh-Objektive. Sonnar-Objektive gelten als echte Bokeh-Klassiker. Ein Objektiv, das auf eine Optimierung der Schärfentiefe setzt, führt nach Auffassung vieler Experten zu weniger gelungenen Bokehs. Wie das individuelle Bokeh des Objektivs aussieht, wird bei der größten Öffnung der Blende festgestellt. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass bei einem lichtstarken Objektiv mit maximaler Öffnung der Blende die Schärfentiefe besonders gering ausgeprägt ist.

Praxistipp 2: Bildsensor und Blendenöffnung bestimmen den Bokeh-Effekt

Die Blende bestimmt, wie viel Licht auf den Bildsensor fällt – so wird durch den Sensor die Helligkeit des Bildes beeinflusst. Halten Sie sich bezüglich der Blendenöffnung an diese Faustregel: Je größer die Blendenöffnung, desto wirkungsvoller der Bokeh-Effekt. Öffnen Sie die Blende Ihrer Kamera also, indem Sie die Blendenstufe auf eine möglichst kleine Zahl stellen. Am allerbesten gelingt das mit einem 50mm 1,8, also einem lichtstarken Objektiv. Die Blende sollte bei 1,8 am besten zwischen 1,8 und 2,8 gestellt werden.

Achtung: Die Bildschärfe Ihrer Aufnahme wird bei komplett geöffneter Blende beeinträchtigt. Es kann auch zu Vignettierungen oder zu störenden Farbsäumen (also einer chromatischen Aberration) kommen. Beachten Sie auch, dass viele Linsen bei offener Blende zwar geformte Zerstreuungskreise erzeugen, doch nur die hochwertigeren Linsen haben speziell geformte Blendenlamellen und kreieren rundgeformte Kreise.

Praxistipp 3: Autofokus ausstellen

Um eine gelungene Bokeh-Fotografie mit Helligkeitsbereichen zu erstellen, muss der Autofokus von „automatisch“ auf „manuell“ umgestellt werden. Durch einen manuellen Autofokus stellen Sie sicher, dass die Kamera den Vordergrund nicht automatisch scharfstellt. 

Praxistipp 4: Lichtreflexe als Gestaltungsmittel nicht unterschätzen

Damit ein seidenweicher Bokeh-Effekt gelingt, benötigen Sie eine Lichtquelle im Hintergrund. Dies kann beispielsweise das Licht einer Straßenlaterne, einer Kerze oder einer Lichterkette sein. Es empfiehlt sich, nah an das Objekt im Vordergrund heranzugehen und die Lichtreflexe an mehreren Stellen im Hintergrund zu inszenieren.


bokeh effekt katsuaki shoda
© Katsuaki Shoda

Praxistipp 5: Porträtobjektive für ein schönes Bokeh

Porträtfotografen nutzen gerne Hintergrundunschärfe, um die Person im Vordergrund zu betonen. Daher bieten verschiedene Hersteller spezielle Porträtobjektive an, die mit sogenannten Apodisationsfiltern ausgestattet sind. Ein Apodisationsfilter erschafft ein noch weicheres Bokeh - so entstehen Porträts mit plastischer Bildwirkung!

Achtung: Beachten Sie, dass Porträtobjektive häufig Einschränkungen bei Eigenschaften wie der Randschärfe haben. Zudem sollten Sie die Blitztechnik in der Porträtfotografie anpassen: Grelle Blitze sorgen für unnatürliches Licht, weiches Licht schmeichelt der Haut.

Holen Sie sich Ihre Freunde und Verwandten vor die Linse – experimentieren Sie mit Ihrer Kamera! Wie wirken unterschiedliche Bokehs im Hintergrund, wie ist der Fokus am besten gesetzt und welcher Bildaufbau funktioniert am besten?

Praxistipp 6: Spiegellinsenobjektive nutzen

Spiegellinsenobjektive sind seit den 1980er Jahren beliebt, da sie als leichtes und gut transportables Teleobjektiv dienen. Spiegellinsenobjektive erzeugen ein besonders interessantes Bokeh in Form von Ringen anstatt von Unschärfekreisen. Sogenannte Siebblenden ermöglichen in einem Weichzeichner-Objektiv ebenso pittoreske Bokeh-Effekte.

Praxistipp 7: Kompaktkamera und kurze Brennweite vermeiden

Überdenken Sie die Wahl Ihrer Kamera und überlegen Sie, ob sich eine Zweitkamera nicht lohnen könnte. Mit Kompaktkameras lässt sich nur bedingt eine Hintergrundunschärfe erzeugen, da diese Kameras keine lichtstarken Objektive und nur kurze Brennweiten haben. Bei einer Einstellung auf Tele, im Makrobereich und mit großer Blendenöffnung können jedoch auch diese kleinen Kameras eindrucksvolle Schärfeverläufe kreieren.

Praxistipp 8: Bokeh-Schablonen: Blenden selbst basteln

Sie können selbst bestimmen, welche Form der Helligkeitsbereich haben soll. Für das Erstellen einer Bokeh-Blende benötigen Sie folgende Materialien: etwas Pappe, eine Schere, einen Bleistift und Klebeband. Zeichnen Sie den Umriss des Objektivs auf die Pappe und einen weiteren kleineren in die Mitte – als Durchmesser für das Symbol.

So können Sie aus festem Karton Sterne, Punkte, Herzen oder Zwiebelringe ausschneiden und den Karton mit Klebeband vorn auf das Objektiv kleben. Die ausgeschnittene Form bringt einzigartige Bokehs durch die Helligkeitsbereiche hervor.

Wichtig für die Bildgestaltung: Wenn das Symbol größer als die Offenblende Ihres Objektivs ist, werden die Umrisse abgeschnitten und der Helligkeitsbereich gelingt nicht.

bokeh effekt thomas hauser
© Thomas Hauser

Praxistipp 9: Bilder mit Photoshop bearbeiten

Programme wie Photoshop simulieren Helligkeitsbereiche und Unschärfekreise, ohne dass diese durch die Blendenöffnung der Kamera selbst geschaffen werden müssen. Sie haben durch Bildbearbeitung die Möglichkeit, eine Hintergrundunschärfe zu erzeugen, den Kontrast zu erhöhen oder mit verschiedenen Anschnitten zu experimentieren.

Haben Sie mit Ihrem Smartphone schöne Bilder festgehalten? Vor allem bei Smartphone-Fotografien ist eine nachträgliche Bildbearbeitung der Schärfeverläufe wichtig, obwohl viele Smartphone mittlerweile eine Doppelkamera haben (das Smartphone nutzt den Versatz beider Objektive zur Erschaffung des Bildes).

Das Bildprogramm Photoshop ermöglicht dies über den Einsatz bestimmter Funktionen: Anwendung finden hier verschiedene Pinsel, das Freistellungswerkzeug, der Gaußsche Weichzeichner und das Verlaufswerkzeug. Als Fotomaterial eignen sich beispielsweise Nachtaufnahmen, die verschiedene Lichtquellen und Glanzlichter im Hintergrund zeigen.

Im Menü Filter > Weichzeichnungsfilter > Objektivunschärfe wird die Tiefen-Map eingestellt. Der Bearbeiter stellt die Wölbung der Irisblende auf den Wert 100 ein, um runde Bokeh-Muster zu erhalten. Mit Radius, Helligkeitsbereich und dem Schwellenwert kann experimentiert werden. Die Werte für das Rauschen können erhöht werden – so haben Sie die Kontrolle über jeden einzelnen Pixel.

Schließlich können über die Funktion Filter > Weichzeichnungsfilter > Gaußscher Weichzeichner Weichzeichner-Effekte kombiniert werden. Ein Wert von etwa 40 Pixeln hat sich dabei für ästhetische Bokehs bewährt. Mit dem Freistellungswerkzeug lassen sich bestimmte Bildabschnitte des Motivs besonders hervorheben. Mit einem runden Pinsel können weitere Kreise in das Bild einfügt werden.

Besonders kunstvolle Motive entstehen mit Photoshop, wenn die verschiedenen Bearbeitungsebenen übereinander kopiert werden. In einem letzten Bearbeitungsschritt werden Farbverläufe mit dem Verlaufswerkzeug in das Bokeh eingefügt, um Farbsäume zu simulieren, die manche Objektive durch Schärfeverläufe (von der Unschärfe zur Tiefenschärfe) produzieren.

Wollen Sie mehr über Bildbearbeitungsprogramme erfahren? In unserem Magazin gibt es die besten Softwares zum Bearbeiten, Freistellen und Verbessern.  

Zusammenfassung: Wichtige Punkte für das Gestaltungsmittel „Bokeh“

Vor der Beschäftigung mit Bokeh-Effekten sollten Sie sich bewusst sein, dass die Schärfentiefe durch drei wesentliche Faktoren beeinflusst wird:

  • Öffnung der Blende
  • Gegenstandsweite (die Gegenstandsweite ist die Entfernung von der Gegenstandsebene bis zur Hauptebene des Objektivs)
  • Die eingesetzt Brennweite
     

Wer kreativ mit Bokehs umgehen möchte, muss den Zusammenhang zwischen dem Bokeh, der Blendenstufe und dem Abstand zum Objekt erfassen. Die Abbildungseigenschaften hängen direkt von den folgenden Faktoren ab:

  • Die Tiefenschärfe ist umso geringer und die Unschärfe umso größer, je näher das Objekt ist.
  • Die Tiefenschärfe im Bild ist umso geringer und das Bokeh umso ausgeprägter, je weiter die Blende geöffnet ist.
  • Feste Brennweiten fördern die Ausprägung eines interessanten Bokehs. Geeignet ist zum Beispiel ein lichtstarkes Objektiv mit 85 mm.
  • Möchte man das Bokeh kreativ einsetzen, sollte man bevorzugt die Kameraeinstellung mit Blendenvorwahl A oder A/v wählen. Die Blendenöffnung sollte dabei maximal sein.
  • Die interessanten Unschärfekreise entstehen mit Lichtquellen sowie Glanzlichtern im Bildhintergrund. Dadurch kann besonders bei Nachtaufnahmen ein seidenweicher Bokeh-Effekt entstehen – der Lichtverlust der Dämmerung kann hier als künstlerisches Stilmittel wirken.

Da das Bokeh besonders im Hinblick auf Lichtquellen die Form der Blende abbildet, lassen sich durch selbstgebaute Aufsätze – eine niedrige Blendenzahl vorausgesetzt – besonders ansehnliche Bokeh-Formen schaffen.

Ob bestimmte Unschärfekreise im Hintergrund als ästhetisch empfunden werden, obliegt der subjektiven Wahrnehmung des Betrachters. Manche Bokehs werden als hart, andere als weich wahrgenommen. Es gibt ruhige und unruhige Verläufe, Punkte, Farbsäume und kreative Doppellinien im Motiv – stets abhängig vom Objektiv, das scharfgestellt wurde.

Das Bokeh ist somit wie ein Fingerabdruck in der Aufnahme, der das Objektiv kennzeichnet. Seine Ästhetik liegt im Auge des Betrachters. Ungeachtet dessen sind zu unruhige Bokehs mit zu vielen Lichtreflexen mit einem gewissen Vorbehalt zu betrachten, da hier die Übergänge zur Tiefenschärfe oftmals nicht als besonders harmonisch empfunden werden. Ein unruhiger Hintergrund lenkt zudem vom Bildzentrum ab und wirkt bezüglich der Bildkomposition eher kontraproduktiv.

Beispiele: Bilder mit Gestaltungsmittel „Bokeh“    


bokeh effekt koukichi takahashi
© Koukichi Takahashi

bokeh effekt kai ziehl
© Kai Ziehl

bokeh effekt thomas hauser 2
© Thomas Hauser

Haben unsere Beispiele Sie inspiriert? Haben Sie einen eindrucksvollen Helligkeitsbereich erschaffen? Nun haben Sie das Handwerkszeug für gelungene Bokeh-Aufnahmen an der Hand – es geht auch ohne Tiefenkarte! Durch den Bokeh-Effekt können Sie eine neue Sicht einnehmen und einen neuen Ansatz ausprobieren. Spielen Sie mit Unschärfe, Kontrast und Doppelkonturen und zeigen Sie Ihre schönsten Bilder als großformatige Kunstwerke. Wie wäre es mit einem ausdrucksstarken Foto hinter Acrylglas?

Bokeh: Mit diesem Tutorial klappt es

Foto hinter Acrylglas

Vertrauen Sie dem Fotofachmagazin COLORFOTO 

Wir sind nicht nur mehrfacher Gewinner des internationalen TIPA Awards: Das Fachmagazin COLORFOTO hat zu uns im Januar 2018 zum Testsieger gekürt:

„Bei WhiteWall bekommen Kunden eine sehr gute Bildqualität zum günstigen Preis – inklusive Aufhängung. Testsieger!“