Studiobesuch bei Annika Feuss

Von Fabian Peters - Mi, 13.08.2014 - 15:24
Für ihr junges Alter kann Annika Feuss schon auf beachtliche 15 Jahre eigenes, fotografisches Schaffen zurück blicken, das ist gut die Hälfte ihres Lebens. Für viele beginnt die Faszination für Fotografie in der Kindheit oder in der frühen Jugend, auch bei Annika Feuss beginnt es genauso: Mit der alten Kamera ihres Vater schießt sie ihre ersten, unscharfen Bilder. Bei den meisten ebbt diese erste Begeisterung schnell wieder ab, bei der gebürtigen Bonnerin festigte sich das Interesse und das Gefühl für den richtigen Moment, den perfekten Bildschnitt immer mehr.

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Gleich nach dem Abitur beginnt sie ein einjähriges Praktikum als Assistentin des bekannten Fotografen Ralph Richter. In dieser Zeit kommt Annika Feuss auch zum ersten Mal mit dem Sujet Architekturfotografie in Berührung, ein Thema, das sie von da an stets begleiten soll. Von 2005 bis 2011 festigt sie ihr Handwerk und Wissen an der Fachhochschule Dortmund, an der sie Fotodesign studiert und schließt dies mit ihrer inzwischen bekannten Werkreihe „Unter Berlin“ als Diplom-Arbeit ab. Annika Feuss’ fotografische Spurensuche im Berliner Untergrund ist im März 2013 sogar mit dem Canon Profifoto Förderpreis ausgezeichnet worden. Sie zeigt die U-Bahn der Stadt menschenleer, ganz reduziert auf Form und Farbe. Ausgewählte Werke dieser beeindruckenden Serie sind auch im LUMAS Portfolio erhältlich.

Interview mit Annika Feuss

Mit Ihrer Serie "Unter Berlin" - reduzierte, architektonische Aufnahmen der Berliner U-Bahnstationen - sind Sie im LUMAS Portfolio vertreten. Wie sind Sie auf die Idee hinter dieser Werkreihe gekommen?  Seit meinem ersten Besuch in Berlin haben mich die U-Bahnhöfe der Stadt fasziniert. Sie beinhalten ein wahnsinnig großes Spektrum an Architekturgeschichte, werden aber oft übersehen und nicht wahrgenommen. U-Bahnhöfe gelten im Allgemeinen auch eher als schmutzige, dunkle Orte. Meine persönliche Herausforderung bestand also darin Bilder zu machen, die eben nicht düster, schmutzig oder alltäglich wirken. „Mach sichtbar, was vielleicht ohne dich nie wahrgenommen worden wäre“ ist ein Zitat von Robert Bresson, einem französischen Regisseur, und hat mich während meiner Arbeit im Geiste begleitet. Sie haben Ihre Serie "Unter Berlin" auch beim Canon Profifoto Förderpreis eingereicht und haben im März 2013 gewonnen. Welche Bedingungen waren mit der Teilnahme verbunden? Der Canon Profifoto Förderpreis richtet sich an junge Fotografen, die Ideen im Kopf haben und ihre Arbeit gar nicht oder nur zum Teil fertig gestellt haben. Zusätzliche Voraussetzung an die Teilnehmer war ein Alter von unter 30 Jahren. Die Gewinner des Canon Profifoto Förderpreises werden dann bei der Umsetzung der Arbeit finanziell bzw. in Form von Equipment unterstützt. Meine Arbeit über die Berliner U-Bahn ist natürlich schon fertig gestellt, langfristig gesehen ist es aber mein Ziel weitere U-Bahnhöfe in weiteren Städten in Deutschland und Europa zu fotografieren. Ihre Arbeiten wurden bereits mehrfach abgedruckt, ist es trotzdem immer noch etwas Besonderes, seine eigenen Fotografien in einer Zeitschrift oder an der Wand einer Galerie zu sehen? Es ist immer toll, wenn Bilder abgedruckt werden. Insbesondere bei Projekten, in die man viel Zeit und Geld investiert hat. Noch schöner ist es natürlich, wenn man irgendwo in Deutschland in eine LUMAS Galerie geht und seine Bilder dort an der Wand hängen sieht. Wie lange dauerte es von der Idee in Ihrem Kopf bis zur tatsächlichen Realisierung Ihrer Werkreihe? Das ist ganz unterschiedlich. Das Berlin-Projekt beispielsweise ist über Jahre gereift. Der tatsächliche Arbeitsprozess hat dann einige Monate gedauert. Zunächst habe ich mir jede der 173 Stationen angeschaut und mir kleine Notizen dazu gemacht. Anschließend habe ich dann die ausgewählten U-Bahnstationen innerhalb von mehreren Wochen fotografiert. Teilweise habe ich sogar nachts gearbeitet, weil die großen Halte, wie Alexanderplatz oder Friedrichstraße, tagsüber überfüllt sind. Zum Schluss hat die Bildbearbeitung natürlich noch einige Zeit in Anspruch genommen. Es gibt aber auch Bilder, die spontan aus der Situation heraus entstehen. Auf einer Tour durch Südafrika z.B. ist mir das einige Male passiert, alleine schon daraus resultierend, dass man die Orte zum ersten Mal besucht und nicht weiß, was einen erwartet. Kann es passieren, dass Ihnen ein Motiv beim Blick durch die Kameralinse gefällt und später als Fotoabzug völlig den Reiz verliert? Nein, es passiert eher ab und zu, dass Dinge, die mit bloßen Auge sehr interessant wirken durch den Sucher ganz anders aussehen. Die besondere Herausforderung besteht dann natürlich darin, Dinge in einer visuell ansprechenden Weise abzubilden, die auf den ersten Blick völlig uninteressant wirken.

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Fotos:  Annika Feuss / www.annikafeuss.com

Ihre Arbeiten haben alle eine sehr charakteristische Handschrift. Wie würden Sie selbst Ihren Stil beschreiben, was ist typisch “Annika Feuss”? Es ist wirklich schwierig eine Handschrift in seinen eigenen Bildern zu erkennen. Ich denke, dass meine Bilder sich vor allem durch einen klaren Bildaufbau und eine grafische Strenge auszeichnen. Jede weitere Interpretation würde ich dann dem Betrachter überlassen. Jede Ihrer Arbeiten ist in zwei Größen erhältlich, beide Versionen gibt es unter anderem als Kaschierung unter Acrylglas. Haben Sie persönlich einen Favoriten bezüglich der Veredelungen? Auch ich präferiere die Kaschierung unter Acrylglas. Meine Bilder leben durch die Farben und Kontraste, die durch die glänzende Oberfläche am Besten zur Geltung kommen. Als Variante würde ich meine Bilder aber auch gerne mal im Schattenfugenrahmen sehen. Für das endgültige Ergebnis Ihrer Arbeiten ist auch die Produktion der Abzüge von großer Bedeutung. Welchen Qualitätsstandard sollte ein Fotofachlabor vertreten? Besonders wichtig für meine Arbeiten ist unter anderem die Präzision beim Aufbringen des Bildes auf den Träger. Da ich beim Fotografieren und der anschließenden Bildbearbeitung immer ein ganz besonderes Augenmerk auf exakt gerade Linien lege, erwarte ich dies natürlich auch von meinem Fotolabor. Des Weiteren spielt natürlich auch die Wiedergabe der Farben eine große Rolle. Wenn ich meinen Bilder von meinem kalibrierten Monitor bei Whitewall produzieren lasse, weiß ich, dass das Bild am Ende auch in exakt dieser Darstellung an der Wand hängt. Nicht nur die Qualität, auch die Zusammenarbeit zwischen Fotografen und Foto-Labor muss stimmen. Kunst trifft auf Handwerk. Kann es da zu Konflikten kommen? Als Fotograf ist man immer auch ein wenig Handwerker. Wenn man weiß, was man will und was möglich ist, kommt es nicht zu Konflikten. Mit welcher Kamera und welchem Equipment arbeiten Sie? Ich arbeite mit der Canon 5D Mark 2. Für meine Architekturaufnahmen nutze ich hauptsächlich das 24mm Tilt-Shift von Canon. Außerdem arbeite ich zusätzlich mit einem 24-70 und einem 70-200 Objektiv, beide ebenfalls Canon Objektive. Als Lichtquelle nutze ich so gut wie immer vorhandenes Licht. Kontrastprobleme löse ich dann anschließend in der Bildbearbeitung. Fotografieren Sie auch noch analog oder inzwischen ausschließlich digital? Inzwischen arbeite ich ausschließlich digital. Vor und zu Beginn meines Studiums habe ich noch mit der alten Pentax meines Vaters fotografiert und in meiner kleinen Dunkelkammer im Keller meiner Eltern selbst entwickelt und vergrößert. Auch zu Beginn des Studiums habe ich noch die ein oder andere Stunde in der Dunkelkammer verbracht. Sie arbeiten seit inzwischen fast zehn Jahren als Fotografin – wie hat sich Ihr Stil im Laufe der Zeit verändert? War dies ein bewusster Prozess? Vor meinem Studium habe ich fast ausschließlich Portraits gemacht. Nach meinem Abitur habe ich dann jedoch ein Jahr beim Düsseldorfer Fotografen Ralph Richter assistiert und dort die Liebe zur Architektur und Architektur-Fotografie gefunden. So habe ich mich schon während meines Studiums auf diesen Bereich spezialisiert. Neben Ihrer kreativen Arbeit, nehmen Sie auch Auftragsarbeiten an? Wenn ja, was macht Ihnen besonders Spaß? Ja, Auftragsarbeiten nehme ich gerne an. Am meisten Spaß macht es mir, wenn es um schöne Architektur geht und ich dafür reisen darf. Wie sieht ein typischer Arbeitstag in Ihrem Leben aus? Wenn ich Schreibtischarbeit mache, wie z.B. Bildbearbeitung oder Emails beantworten, sitze ich meist gegen 9 Uhr am Computer. Mein Büro habe ich zu Hause, so dass ich mir meine Arbeitszeit flexibel einteilen kann. Wenn ich Auftragsarbeiten habe oder freie Arbeiten realisiere, bin ich natürlich viel unterwegs, muss zeitweise sehr früh aufstehen oder bis spät abends auf das richtige Licht warten. Aber genau diese Abwechslung gefällt mir so gut an meinem Beruf. Welche Ihrer Fähigkeiten nutzt Ihnen beim Fotografieren am meisten? Meine Intuition schnell zu erkennen wo und wie ich den Bildausschnitt wähle hilft mir natürlich weiter. Ich weiß meist direkt wo ich Kamera und Stativ hinstellen muss. Dieses Gefühl ist natürlich nicht nur rein intuitiv sondern auch durch jahrelange Übung entstanden. Was muss man als Fotograf unbedingt können? Man sollte sehr gut in Bildern denken können. Fast immer habe ich vor einem Shooting schon viele Bilder im Kopf, die ich dann in die Realität umsetze. Des Weiteren muss man insbesondere als Architekturfotograf wahnsinnig geduldig sein. Man muss auf sehr viele Dinge warten - dass Menschen aus dem Bild gehen, dass die Sonne hinter den Wolken hervorkommt, dass die Dämmerung einsetzt oder dass der Winter endlich vorbei ist. Diese Geduld kann ich in anderen Lebensbereichen nicht aufbringen, beim Fotografieren aber habe ich gelernt, dass es sich wirklich lohnt. Geht es hauptsächlich um Talent oder um erlerntes Handwerkszeug? Ich glaube, das Eine geht ohne das Andere nicht. Allerdings wird ein guter Fotograf mit einer schlechten Kamera vermutlich bessere Bilder machen, als ein schlechter Fotograf mit einer guten Kamera. Warum haben Sie sich für das Fotografieren als Ausdrucksform entschieden? Wann entdeckten Sie Ihre Leidenschaft? Schon mit ca. 15 Jahren habe ich mit der Kamera meines Vaters fotografiert. Anfangs jedoch war die Technik eine Hürde für mich. Von Belichtungszeit und Blende verstand ich nichts und habe mich gewundert, warum die Bilder immer so verwackelt waren. Da ich aber künstlerisch sehr interessiert war und Zeichnen oder Malen absolut nicht mein Ding waren, habe ich mich mit Hilfe von Büchern und Fotografie-Kursen weitergebildet und so dann auch schnell die Technik beherrscht. Haben Sie ein persönliches Vorbild, wenn es ums Fotografieren geht? Einen großen Einfluss auf meinen ganzen Werdegang hatte natürlich Ralph Richter, der mir technisch und gestalterisch sehr viel beigebracht hat. Ich schaue mir aber auch gerne Bilder von Candida Höfer, Andreas Gursky oder Thomas Struth an und lasse mich inspirieren. Welche Themengebiete, welche Motive reizen Sie am meisten? Im Bereich der Architektur faszinieren mich vorwiegend Bauwerke der 20er und 30er Jahre. Im Sommer letzten Jahres habe ich unter anderem das Bauhaus und die Meisterhäuser in Dessau besichtigt und fotografiert. Besonders beeindruckend ist es, dass die über 80 Jahre alten Entwürfe immer noch modern wirken. Gibt es auch Sujets, die Sie gar nicht interessieren oder ist alles eine Frage der Darstellung? Generell bin ich für alles offen. Wenn ich mich aber nun zwischen einer Ausstellung über Malerei und einer Videoinstallation entscheiden müsste, wären die Gemälde meine Präferenz. Auf welche Arbeiten von Ihnen sind Sie besonders stolz? Auch wenn ich inzwischen schon seit 10 Jahren fotografiere, ist es schwierig jetzt schon zurückzublicken. In 20 Jahren ist diese Frage glaube ich leichter zu beantworten. Wo würden Sie als Fotografin gerne einmal ausstellen? Jede Ausstellung, die man machen kann, ist natürlich sehr schön. Dürfte ich mir etwas aussuchen, würde ich die Tate Modern in London wählen. Ein architektonisch sehr interessantes Gebäude mit toller Kunst in einer großartigen Stadt. Wenn Sie sich aussuchen könnten, was Sie wollten: Welches Kunstwerk würde an Ihrer Wand hängen? Ich würde mich für das Bild "A19" von László Moholy-Nagy oder "1024 Farben" von Gerhard Richter entscheiden.