Der Reiz des Urban Exploring | Interview mit Jérémy Marais

Von Lisa Brettschneider - Di, 28.04.2015 - 15:22
Der Reiz des Urban Exploring | Interview mit Jérémy Marais | WhiteWall
Jérémy Marais lebt und arbeitet als Fotograf in Paris. In seinen Fotoprojekten erkundet er als Urban Explorer – kurz Urbexer –  verlassene Stadtgebiete und andere Orte die in Vergessenheit geraten sind. Diese "Lost Places" wurden durch die Natur geformt und zeigen die Veränderung von Objekten über die Zeit hinweg. Die Intension vieler Urbexer ist es die Authentizität der besuchten Objekte einzufangen, das Geschehene und Erlebte zu dokumentieren und allgemein zugänglich zu machen. So entstehen Bilder die Ruhe und Verbundenheit mit der umgebenden Natur ausstrahlen. Beim Urban Exploring gilt ein klarer Grundsatz: “Take only pictures, leave only footprints.” Im Interview erzählte uns Jérémy Marais was ihn an diesen Foto-Locations besonders reizt und gibt Tipps zum Urban Exploring.
 
urban exploring jeremy marais urban exploring jeremy marais turm urban exploring jeremy marais zimmer urban exploring jeremy marais gelbe jackeurban exploring jeremy marais natur gewinnt  urban exploring jeremy marais küche

 

Erzähl uns etwas über dich und deine Projekte.. Ich bin 33 Jahre alt, lebe derzeit in Paris –  eine Stadt, in der sich das Moderne mit dem Alten vermischt und die unglaublich viele Facetten hat. Ich denke, viele dieser Facetten sind versteckt und offenbaren sich erst wenn man wirklich bereit dafür ist und sich Zeit zum entdecken nimmt. Für mich und andere Fotografen ist Paris mit Sicherheit ein Genuss. Im Alltag sieht man überall Menschen, die auf der Straße oder in Häusern wohnen - man ist zeitweise überreizt davon. Vor 12 Jahren habe ich aus diesem Grund mein Interesse für verlassene Gebäude entdeckt. Ich habe mich intensiv mit Urbex beschäftigt und dadurch eine Stadt hinter der Stadt entdecken können - mit allen stillgelegten Bauten, Fabriken und leeren Häusern. Ich war erstaunt, dass ich den Bestand dieser Objekte noch nie wahrgenommen habe – als wären diese Orte unsichtbar gewesen. Seitdem hat sich mein Interesse für diese Orte immer mehr gesteigert und das Urban Exploring ist zum Fokus meiner Arbeit geworden. Mit meinen Fotografien möchte ich das zeigen was vergessen wurde bzw. was im Laufe der Zeit "unsichtbar" geworden ist. Wie bist du zur Fotografie gekommen? Eigentlich bin ich zufällig zur Fotografie gekommen. Ich habe früher in der Rehabilitation behinderter Menschen gearbeitet und Fotografie als ein interessantes Medium in diesem Bereich empfunden. Aus diesem Grund habe ich angefangen mich mit Fotografie zu beschäftigen – Freunde und Online Tutorials haben mir dabei geholfen. Mit meinem Wissen habe ich dann Tutorials für die Menschen, die ich begleitete, angepasst. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Meine ursprüngliche Intension ist schnell zur Leidenschaft geworden, die mich bis heute nie wieder los gelassen hat. Mittlerweile ist es mein Ziel, ein professioneller Fotograf zu werden. Was reizt dich besonders am Urban Exploring? Wie ich bereits erwähnt habe reizen mich vor allem Orte und Objekte die eine menschliche Aktivität erlebt haben und anschließend verlassen und vergessen wurden. Ob Industrieanlagen, Behausungen oder Verkehrsmittel – der Kontrast zwischen der vergangenen Aktivität und ihrer derzeitiger Stille ist für mich unglaublich interessant. Außerdem finde ich verwilderte Objekte sehr reizvoll. Das sind Orte, welche von Menschenhand auf der Natur errichtet wurden und schlussendlich wieder von ihr übernommen werden – das kann wirklich beeindruckend sein. Bevor ich an einen Ort fahre versuche ich die Geschichte dahinter zu erfahren. Dadurch kann ich mir frühere Aktivitäten besser vorstellen, aber auch die Abwesenheit des Lebens sowie die Einsamkeit wird mir bewusster. Diese Gefühle möchte ich mit meinen Fotos ausstrahlen. Wie findest du deine Foto-Locations? Ich surfe dafür sehr viel im Internet. Je nach Art der gesuchten Orte weiß ich mittlerweile mehr oder weniger die Regionen, in denen ich sie finden kann. Außerdem suche ich in Archiven, lokalen Zeitungen oder erkunde direkt historische Orte. Eine weitere Möglichkeit ist es, verlassene Orte über Luftaufnahmen und Satellitenbilder zu finden – dies ist allerdings sehr zeitaufwändig. Wenn man sich genügend Zeit nimmt, kann man so beispielsweise Gebäude finden die isoliert sind – durch Recherchen kann man anschießend versuchen herauszufinden was dahinter steckt. Über Flüsterpropaganda ist es anfangs eher schwer an Informationen zu kommen, da Urbexer diesbezüglich ziemlich verschlossen sind und die Lokalisierung der Orte nie verraten wird. Dadurch wird ein minimaler Schutz dieser Orte ermöglicht. Welches Equipment benutzt du? Ich verwende eine Canon EOS 600D mit dem 18-55 mm Objektiv als Basis. Diese Kamera habe ich gekauft als ich mit dem fotografieren angefangen habe. Bisher habe ich noch keinen dringenden Bedarf verspürt eine andere Kamera zu kaufen. Ich denke jedoch, dass ich mittlerweile alles aus meiner Canon rausgeholt habe und plane deshalb eine performantere Kamera zu kaufen. Dies bietet sich an da ich zukünftig noch häufiger an Orten fotografieren möchte, an denen schwierigere Bedingungen herrschen. Manchmal nehme ich auch meine Minolta AF 7000 mit einem 24 mm Objektiv. An der analogen Fotografie interessiert mich, dass ich das Ergebnis meiner Fotos nicht sofort sehen kann. Das ist ein ganz anderes Erlebnis und zeitweise sehr spannend für mich. Um meine Fotografien zu bearbeiten benutze ich die Software Lightroom. Allerdings beschneide ich meine Fotos nie. Was sind deine nächsten Projekte und Ziele? Ich arbeite gerade an einer Fotoserie, welche ich im Laufe des Jahres ausstellen möchte. Parallel plane ich ein Reiseprojekt nach Osteuropa. Mein Ziel ist es, dass ich die verlassenen Objekte und Orte ein Stück weit wiederbeleben und der Öffentlichkeit zugänglich machen kann - denn diese Orte können uns immer noch verwundern und ein Stück weit zittern lassen. Hast du weitere Tipps für Fotografen die sich mit ähnlichen Projekten beschäftigen möchten? Ohne von Ratschlägen sprechen zu wollen, kann ich behaupten, dass Urbex eine menge Geduld, Hartnäckigkeit und manchmal auch Mut bedeutet. Die Erforschungen können manchmal gefährlich sein und verlangen eine gute Vorbereitung. Und nicht zu vergessen ist natürlich, dass es teilweise illegal ist... Unser Tipp: Finden Sie Lost Places auf www.urbex-online.de - eine ausführliche Liste von verlassenen Orten in Deutschland, Frankreich und Belgien.

Images: Jeremy Marais