Wenn Fotografie den Geist wachrüttelt – die Berlin Foto Biennale

Von Andrea Bruchwitz - Sa, 15.10.2016 - 08:35
Biennale
© Monia Lippi

Aufregende Kompositionen, wundersame Alltagsszenen aus fernen Ländern und Portraitaufnahmen, auf denen große, fragende Augen eine Gänsehaut erzeugen – wenn in Berlin das größte deutsche Fotofestival stattfindet, ist WhiteWall natürlich mittendrin. Im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie zeigen 440 Künstler aus aller Welt ihre Werke. WhiteWall hat die Fotografien als Kaschierung auf Alu-Dibond produziert, um den kulturellen Dialog zu fördern – denn ein Bild veranschaulicht Lebensumstände atmosphärisch detailreicher, als man es in Worten hätte ausdrucken können. Die Ausstellung im Palazzo Italia beginnt mit den Werken Steve McCurrys, der zwischen 1979 und 2013 in Ländern wie Afghanistan, Bangladesch, Kambodscha, Tibet und Vietnam außergewöhnliche Momente festgehalten hat. Der Magnum-Fotograf hat eine unverkennbare Bildsprache: Gewaltige Farben und dynamische Bildkompositionen illustrieren Alltagssituationen, die von Armut und Mangel erzählen. Ein verweilender Blick genügt, und der Betrachter kann die zweite Bedeutungsschicht regelrecht spüren. McCurry macht Sprünge durch kulturelle Welten und verschiedene Jahrzehnte - das strahlende Türkisblau Indiens reiht sich an tibetische Mönche in leuchtenden, orangefarbenen Gewändern.

Berlin Foto Biennale
© Steve McCurry, Magnum Photos

Der renommierte Kunstkritiker Anthony Bannon sagte einmal über diese Werke, sie „nehmen den Betrachter an die Hand und berühren zugleich seine Seele“. Steve McCurrys Schwerpunkte, wie die Folgen des Krieges, extreme Armut und die sich dennoch fortsetzenden kulturellen Traditionen, lehnen sich an das Thema der Berlin Foto Biennale: „Emotions and Commotions Across Cultures“.

Steve McCurry auf der Foto Biennale
© Steve McCurry, Magnum Photos

Auch der Japaner Yusuke Suzuki zeigt mit seinen dokumentarischen Fotografien aus Syrien und Afghanistan in bewegenden Bildern die Not der Flüchtlinge: Verzweifelte Menschen mit müden Augen strecken ihre Pässe flehend dem Betrachter entgegen. Leid, Hoffnung und Schmerz vermischen sich in seinen Werken, die eine so eindrucksvolle Wirkung haben, dass man danach einen Moment innehalten muss. Für seine Arbeiten hat Suzuki auf der Berlin Foto Biennale den Nachwuchspreis erhalten.

Berlin Foto Biennale
© Yusuke Suzuki

So schreitet man durch die Gänge des Palazzo Italia und entdeckt auf den Kaschierungen von WhiteWall mit jedem Schritt weitere außergewöhnliche Fotografien. Jene Bilder vom amerikanischen Fotografen Eric Politzer, der kubanische Homo- und Transsexuelle inszeniert hat, um ihnen eine Stimme zu geben, oder von Aliocha Merker, die weibliche Geschlechtsteile in so starken Kontrasten ablichtet, dass nur noch der Hauch einer Strichform übrigbleibt. Oder man verweilt vor den Werken Christopher Ruanes, der mit digitalen Montagen unzählige Folien aufeinander legt und damit wundersame biblische Szenen nachstellt.

Die Berlin Foto Biennale im Palazzo Italia
© Monia Lippi

Die Geister mögen sich daran scheiden, was davon gefällt und was nicht, die Berlin Foto Biennale zelebriert eben „Emotions and Commotions“ - Gefühl und Aufruhr sind erwünscht. Wenn man die weißen Räumlichkeiten des Palazzo Italia verlässt, hat die Kunst ihr Ziel erreicht. Es wurde etwas aufgeraut und tief im Inneren etwas wachgerüttelt – und man sieht selbst die vielen Folien, durch die man jeden Tag hindurchschaut.

Andrea Bruchwitz

Die Berlin Foto Biennale im Palazzo Italia
© Monia Lippi

Datum: 6.-30. Oktober 2016 Mon-Mi: 12:00 - 19:00 Do: 12:00 - 21:00 Fr-So: 12:00 - 19:00 Ort: Palazzo Italia, Unter den Linden 10, 10117 Berlin

Anmerkung der Redaktion: Alle Werke wurden von WhiteWall produziert ausschließlich der Arbeiten von Steve McCurry.