WhiteWall Magazin

Die Tricks der Profis

Um sich als Fotograf zu verbessern, sollte man von den Besten lernen. Wir haben Profi-Fotografen nach dem Geheimnis ihrer schönsten Bilder gefragt und dabei einige interessante Tricks kennengelernt.

Profitipp: Landschaft (von David Noton)

1. Belichtung

David Noton hat mit Zeitautomatik und Mehrfeld-Belichtungsmessung gearbeitet. "Ich wählte eine Belichtungskorrektur von +2/3", so Noton. "Mit dieser Belichtung konnte ich Details auch in den dunklen Bereichen wunderbar herausarbeiten und ein niedriges Rauschen erreichen."

2. Fokus

Für durchgehende Schärfe hat David Noton die "hyper-fokale Distanz" aus seiner Schärfentiefe-Tabelle herangezogen – die Entfernung, nach der Objekte scharf werden. Mit Blende f 13 und den auf die hyperfokale Distanz eingestellten Fokus erreichte er die gewünschte Schärfentiefe.

3. Komposition

Eigentlich verbietet es sich, bei der Motivgestaltung den Horizont in die Bildmitte zu legen. Will man jedoch, wie hier, Reflexionen einfangen, kann gerade dies essenziell für die richtige Spannung im Bild sein: Himmel und Wasser kommt in diesem Motiv nahezu das gleiche Gewicht zu.

4. Stativ

Für ambitionierte Landschaftsfotografen ist ein Stativ unerlässlich. Abgesehen von der Stabilisierung der Kamera lässt sich so der Bildausschnitt ganz in Ruhe bestimmen, zudem sind die Verwendung niedriger ISO-Empfindlichkeiten und langer Belichtungszeiten kein Problem.

"Es war früher Abend, und wir waren am Seeufer unterwegs zu diesem traumhaften Flecken am Ende des Tals", erinnert sich David Noton. "Das malerisch verformte Stück Treibholz am Strand leitet den Blick ins Motiv hinein. Der Bilderbuch-Gipfel des Mount Burgess rundet das Motiv ab. Um das Bild aber genauso zu gestalten, wie ich es mir vorgestellt hatte, brauchte ich makellose Reflexionen im Wasser. Doch leider kam in dieser Stunde vor dem Sonnenuntergang eine starke Brise auf, und hat mir die Aufnahme erst einmal verdorben."

So begann das Warten am Ufer des Emerald Lake in Kanada. Aus seiner fast 30-jährigen Erfahrung als Fotograf wusste Noton, dass, wenn die Sonne sich dem Horizont nähert, häufig auch der Wind aufhört. Und tatsächlich: Mit dem Sonnenuntergang verwandelte sich der Emerald Lake in eine fast perfekte Spiegelfläche. "Mit einem 24-70-mm-Objektiv an meiner Canon EOS-1D Mark III und einem Polfilter ausgestattet, konnte ich die richtige Aufnahme machen."

Um das Bild schließlich so aussehen zu lassen, war aber auch noch einiges an Bildbearbeitung nötig:"Um das Beste aus den Farben herauszuholen, habe ich zwei verschiedene Versionen der gleichen RAW-Datei erzeugt – eine optimiert für die Highlights, eine für die Schatten – und diese in Photoshop kombiniert.”

David Noton's besonderer Tipp: Polarisationsfilter

Polarisationsfilter sind in zweifacher Hinsicht vorteilhaft: Sie geben dem Himmel mehr Zeichnung und reduzieren Reflexionen. Nachträglich am PC lässt sich der Polarisationseffekt nicht erzeugen, man muss also mit Polfilter vor der Objektivlinse fotografieren. Deswegen gehören Polarisationsfilter für die meisten Landschaftsfotografen zur festen Ausstattung.

Profitipp: Architektur/Stadtmotive (von Paul Freeman)

1. Klassische Inspiration

Malerei hat die Fotografie schon immer beeinflusst. Die Menschen-Silhouetten erinnern an Straßenszenen von L.S. Lowry, andererseits denkt man bei Perspektive und Lichteinfall an manche Szenerien des Surrealisten Giorgio Di Chirico.

2. Scheimpflug

Schärfeverstellung nach Scheimpflug ist in der Großformatfotografie oft anzutreffen. Kippt man die Objektivebene nach vorn, vergrößert sich der Schärfentiefe-Bereich. Freeman hat hier die Objektivebene nach hinten gekippt, um die Schärfentiefe zu verringern.

3. Bildaussage im Fokus

So verschwommen das Bild auch ist, man erkennt auf Anhieb, dass es sich um eine Stadtszene handelt. Die Schärfepunkte auf den Uhren und der zentralen Figur im Anzug erzählen auf einen Blick das alte Sprichwort "Zeit ist Geld".

4. Abwedeln

Manch digitales Bildbearbeitungs-Werkzeug entspricht ganz und gar traditionellen Dunkelkammer-Techniken. So hat Paul Freeman hier Bereiche des gescannten Bildes jeweils "abgewedelt" oder "nachbelichtet", um den Kontrast zu beeinflussen.

Digitale Tilt-Shift-Effekte sind populär, doch dem Architektur-Fotografen Paul Freeman reicht das nicht: Das Bild oben hat er mit der Großformatkamera Ebony 5 x 4 aufgenommen. "Streng genommen folgt die Aufnahme der Scheimpflug'schen Regel, mit nach hinten gekippter Objektivebene", sagt er, "aber das Begriffspaar 'Tilt-Shift' ist eher bekannt. In der Architekturfotografie werden solche Objektive häufig verwendet, um eine unverzerrte Darstellung zu bekommen. Hier habe ich den Effekt ins Gegenteil gekehrt. Durch das Kippen (Tilt) der Vorder- und Rückseite der Kamera habe ich die Schärfentiefe verringert. Das Kippen der Rückseite führt zudem zu einer perspektivischen Verzerrung, die diese traumartige Atmosphäre erzeugt."

Freeman erzählt weiter: "Der eingesetzte Film war ein Polaroid Typ 55, der direkt einen 5 x 4-Zoll-Abzug und ein Negativ produziert. Die Unmittelbarkeit des Sofortbilds ist fast wie eine digitale Aufnahme. Aber man kann eben auch ein Negativ abziehen, es scannen oder weitere Abzüge machen, was eine zusätzliche kreative Dimension eröffnet. Ich habe das Negativ gewaschen und gescannt, und danach noch recht intensiv bearbeitet. Die Abschattung in den Ecken kam vom Objektiv und vom Kippen der Kameraebenen, die Kontraste und Unschärfen habe ich in Photoshop verstärkt."

Paul Freeman besonderer Tipp: Tilt-Shift-Objektiv

Hier war eine Großformatkamera im Einsatz – doch kann ein Tilt-Shift-Objektiv an einer DSLR den gleichen Effekt erzeugen (mit "reverse tilt" und offener Blende).

Profitipp: Natur und Tiere (von Steve Bloom)

1. Location

Wildreservate wie der Kamai National Park in Alaska sind beliebte Plätze für Fotografen. Steve Bloom hat dieses besondere Bild geschossen, indem er sich von den üblichen Foto-Spots entfernte, und sich statt dessen einen anderen Standort suchte.

2. Fokus

Für diese Aufnahme setzte Bloom den Prädiktions-AF seiner EOS-1Ds Mark III ein. Damit blieb der Bär im Fokus, auch als er ganz plötzlich auf den Fotografen zustürmte. Die Automatik der Kamera übernimmt in dieser Einstellung das Fokussieren – eine Sorge weniger.

3. Brennweite

Bei Aufnahmen in freier Wildbahn, insbesondere bei potenziell gefährlichen Raubtieren, möchte man nicht zu nah am Motiv sein. Hier war ein 300-mm-Objektiv an einer Vollformatkamera im Einsatz. An SLRs mit APS-C-Sensor reichen auch 200 mm.

4. Belichtung

Die Kombination aus großer Blende (f 5,6) und einer schnellen Verschlusszeit (1/1.500 s) sorgt dafür, dass mit der geringen Schärfentiefe Details im Hintergrund verschwimmen und die Bewegungen von Wasser und Tier eingefroren werden.

Obwohl Steve Bloom ein hoch talentierter Dokumentar- und Porträtfotograf ist, ist er der Öffentlichkeit eher als Naturfotograf bekannt. Das Foto hier stammt aus "Untamed", einer von Blooms beeindruckenden Wildlife-Fotobänden. Diese spezielle Aufnahme findet man auf dem Cover von sieben der zehn Sprachversionen.

"Ich war in Alaska im Katmai National Park, um Grizzlys zu fotografieren. Sie standen mitten im Fluss auf Felsen, und warteten auf Lachse, die zum Laichen flussaufwärts schwimmen", erzählt Bloom."Nach einer Weile wandte ich mich weiter flussabwärts, wo normalerweise keine Fotografen stehen. Ich watete ins Wasser und wartete. Das Wasser stand mir schnell bis zum Bauch, und meine Arme wurden müde, je länger ich meine Canon EOS-1Ds samt 300-mm-Objektiv hielt. "Wie aus dem Nichts war dieser Bär ganz in meiner Nähe aufgetaucht. Anfangs stand er einfach im Wasser herum, ohne mich wahrzunehmen.

Es ist wichtig, Bären nicht zu erschrecken, denn dann reagieren sie unberechenbar. Also sorgte ich dafür, dass er von meiner Anwesenheit wusste – man hat keine Chance, vor einem wütenden Bären davonzulaufen, insbesondere wenn man bis zum Bauch im Wasser steht! Es dauerte nicht lange, bis einige Lachse in seine Reichweite schwammen, und plötzlich schoss er direkt auf einen Fisch – und auf mich! – zu. Es ist mir gelungen, in diesem Moment ein Foto zu machen. Und als ich es sah, wusste ich sofort, dass es mein nächstes Buchcover werden könnte.”

Steve Bloom besonderer Tipp: Respekt und Verständnis

Auch wenn der große Braunbär aussieht, als würde er den Fotografen jagen wollen: Steve Bloom wusste genau, dass der Bär viel mehr an den Lachsen im Fluss interessiert war. Bloom hat darauf geachtet, dass das Tier von seiner Anwesenheit wusste, damit es sich nicht erschreckt und davonstürmt. Respekt und Verständnis für die Verhaltensweisen eines Tieres, aber auch vorsichtige Bewegungen sind die notwendige Voraussetzung für Tierfotografie in freier Wildbahn – dabei geht es nicht nur um das eigene Wohlergehen.

Profitipp: Porträts/Fashion (von Nigel Parry)

1. Spiegelbild

Um dieses Bild zu schaffen, hat Nigel Parry eine ganze Reihe von Spiegeln (jeder etwa 120 x 30 cm) arrangiert und schon vor De Niros Ankunft ausgerichtet. So ist ein aufschlussreiches 180-Grad-Porträt entstanden, ohne dass der Fotograf mit im Bild ist.

2. Brennweite

Parry hat eine klassische 85-mm-Porträt-Brennweite verwendet. Mit einer solchen Tele-Optik lassen sich Verzerrungen vermeiden, wie sie mit Weitwinkel-Brennweiten auftreten. Zudem rückt der Fotograf so seinem Modell nicht zu nahe.

3. Belichtung

Mehrfeld- oder mittenbetonte Belichtungsmessung hätte bei den meisten Kameras wegen der überwiegend dunklen Motivbereiche eine Überbelichtung zur Folge gehabt. Präziser ist die Spotmessung oder der von Parry eingesetzte Handbelichtungsmesser.

4. Komposition

Auf den ersten Blick sieht das Arrangement einfach aus, doch beachten Sie De Niros Augen: Sein Blick führt durch das Bild. Die Reflexionen geben die Richtung vor und unterstreichen die Aussage "ein Mann mit vielen Gesichtern".

Der New Yorker Fotograf Nigel Parry ist bekannt für seine Promi-Porträts. Filmstars, Sportler, Musiker und Politiker lassen sich gern von ihm ablichten, wie man an der eindrucksvollen Liste von "Celebrities" auf seiner Webseite sehen kann: die letzten drei US-Präsidenten einschließlich Barack Obama, aber auch Angelina Jolie oder Eminem – sie alle waren schon vor seiner Kamera.

Bei jedem Shooting, egal wie groß oder klein das Projekt ist, muss man eine Vielzahl von Details beachten, die schiefgehen können. Nigel Parry kennt das aus Erfahrung. Der Termin mit Robert De Niro war keine Ausnahme, erzählt er: "Wir hatten ihn gebeten, in Schwarz zu kommen, doch De Niro erschien im Studio mit einem hellblauen Poloshirt und einem bequemen Tweedsakko. Mir war sofort klar, dass diese Kombination nicht funktionieren würde, weil die Farben zu sehr abgelenkt hätten. Mit etwas Überredung konnte ich De Niro dazu bewegen, meinen schwarzen Mantel anzuziehen. Zu diesem Kniff musste ich übrigens nicht das erste Mal greifen! So entstand diese Aufnahme genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte: das Porträt eines Schauspielers mit vielen Facetten.”

Für den Fotografen ist dies eine seiner liebsten Aufnahmen. Ein einfaches Arrangement, das Bild unbearbeitet. Er mag auch die feine Selbstironie, mit der De Niro die eigene Rolle des wandlungsfähigen Künstlers karikiert.

Nigel Parry's besonderer Tipp: Spiegel

Spiegel sind tolle Hilfs- und Stilmittel für Fotografen – mit einem Nachteil: Naturgemäß reflektieren sie viel Licht. Beim Einsatz von Spiegeln muss man also immer darauf achten, dass Lichtquellen nicht direkt in die Kamera reflektiert werden. Auch Störfaktoren im Hintergrund sollte man im Auge haben: Fotograf, Kamera und Beleuchtungs-Equipment dürfen nicht im Spiegel zu sehen sein.

Profitipp: Reportage (von Nick Danziger)

1. Komposition

Die "Drittel-Regel" ist ein einfaches, aber wirkungsvolles Gestaltungsraster. Ebenso wie die vorderste Sargreihe "besetzen" die beiden stehenden Männer eine der gedachten Drittellinien. Die Anordnung gibt dem Bild eine grundsätzliche Balance.

2. Licht

Danziger meidet den Einsatz von Blitzlicht, wo immer es geht. Solch intime Aufnahmen wie diese gelingen nur mit natürlichem Licht. Eine große Blende (f 3,8) und mittlere Empfindlichkeit (ISO 400) helfen, den natürlichen Eindruck zu erhalten.

3. Brennweite

Zur Nähe suchenden Arbeitsweise passt ein schnelles Weitwinkelobjektiv – hier nutzte Danziger an seiner Olympus E3 ein 12-60-mm-Zoom (f 2,8). Dank leichte Tele-Brennweite (80 mm in KB-Format) bleibt das Motiv natürlich und unverzerrt.

4. Belichtungsmessung

Das von oben einfallende Gegenlicht sorgt für eine schwierige Lichtsituation: helle Lichter und tiefe Schatten. Der Einsatz der mittenbetonten Messung hat zu einer guten Balance zwischen hell und dunkel beigetragen.

Seine Karriere als Fotojournalist hat Nick Danziger über den ganzen Globus geführt und immer wieder in den Mittelpunkt von katastrophalen Ereignissen. Er hat unzählige Auszeichnungen und Preise bekommen, doch ihm geht es nicht um solche Ehrungen. Sein Antrieb ist etwas viel Tieferes, Persönlicheres.

Während andere Fotojournalisten die Schrecken des Balkan-Konflikts hinter sich gelassen haben, kehrte Danziger nach Bosnien zurück. Er wollte die Folgen des Krieges dokumentieren, wie etwa die Bemühungen, menschliche Überreste aus Massengräbern zu identifizieren. Diese Aufnahme ist aus seinem neuen Buch "Missing Lives", das diesen Sommer erscheinen wird. Sie zeigt drei Imame (Vorbeter beim islamischen Gebet) vor zwei Reihen von Särgen, in denen die Überreste von Vermissten liegen. "Für mich ist dieses Bild so wichtig, weil es auch um die Familien der Verstorbenen geht", sagt Danziger. "Zehntausende von Familien in der Balkan-Region leben noch immer in Ungewissheit, was aus ihren vermissten Angehörigen geworden ist, und können ihre Toten nicht zur Ruhe betten. Dieses Foto symbolisiert ein Ende der Qual, eine Art Ruhe."

Für Danziger ist das Verständnis für die Menschen, die er fotografiert, von zentraler Bedeutung. "Ich arbeite in der Nähe von Menschen und nicht mit Tele-Objektiven. Ich muss ihr Vertrauen gewinnen, damit sie die Nähe zulassen und mir die Aufnahmen gestatten."

Nick Danziger's besonderer Tipp: Standard- oder Weitwinkel-Brennweiten

Bei Reportagen geht es darum, mit einem Bild eine Geschichte zu erzählen. Um einen Zusammenhang bildlich darzustellen, muss man das Geschehen wirklich verstehen. Für Danzigers Arbeit ist das Verständnis und Sich-Einlassen auf seine Motive genauso wichtig wie sein Equipment: Standard- oder Weitwinkel-Brennweiten vermitteln den Eindruck, mitten im Geschehen zu sein.

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